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Aktuelle News

Meine Gedanken zum 24h Weltrekord - ein ehrlicher Rückblick

Schlussendlich ist der neue Rekord mit 896km gelungen, es war ein Riesenerfolg, aber in der Vorbereitung und auch während der Fahrt war nicht immer alles so souverän und einfach, wie es vielleicht wirkte.
die Leistungskurve mit "normalized Power"

Und ich möchte auch noch das Chaos um die verschiedenen Rekorde klären:
Ich habe weder den 200 Meilen (322km in 12h von Marko Baloh), noch die 12h Road (459km von Marko Baloh) oder den outdoor-Track Rekord (890km von Marko Baloh) verbessert, weil ich diese Kategorien einfach nicht zur Verifzierung angemeldet habe. Ich habe offiziell „nur“ den 24h-Road-Record verbessert, auch wenn ich mehr Kilometer als die genannten drei Rekorde gefahren bin. Jetzt im Nachhinein eigentlich schade, dass die 200 Meilen und 12h Road nicht angemeldet wurden. Aber den outdoor-Track Rekord kann ich sowieso nur auf einer outdoor-Bahn fahren, das würde eine Bahn von unter 5km Länge verlangen. Das wurde leider medial etwas falsch dargestellt, aber ich kann eines versprechen: Der 24h-indoor-Bahnrekord (903km von Marko Baloh) reizt mich in Zukunft auf alle Fälle :-)

Danke für euren Support!
Christoph

PS: Nein, ich bin nicht wehmütig, dass die letzten 4km auf die 900km Marke gefehlt haben. Natürlich wäre bei wärmerem Wetter und ohne Wendepunkte noch etwas mehr möglich gewesen. Aber die Freude über das Ergebnis unter diesen schwierigen Bedingungen überwiegt zu 100%!


Weitere Links:

Bikeboard Interview am Tag danach mit Leistungsanalyse: bikeboard.at/Board/896-km!-Strasser-knackt-24hWeltrekord-th209213

Leistungsanalyse im Detail auf power2max.com: http://www.power2max.de/europe/896-km-christoph-strassers-24-h-weltrekord-analyse/

Youtube Videoberichte von groox: https://www.youtube.com/user/christophstrasser

Specialized Homepage mit coolem Imagevideo: http://www.specialized.com/at/de/news/latest-news/21434?intcmp=homePromo2CHRISTOPHSTRASSER

Interview auf Radsport-aktiv: http://www.radsport-aktiv.de/freizeit/freizeitnews_92052.htm

die riesengroße Erleichterung für uns alle

Kougi hat dann über die Lautsprecher den Count-Down eingezählt und nach meinem Schlusssprint wurde die Stelle, an der ich nach exakt 24:00:00 Stunden war, vom UMCA-Head Official markiert und anschließend vom Streckenvermesser ausgewertet. Ich rollte langsam zum Start- und Zielgelände und ließ meiner Freude freien Lauf. Specialized hatte ein kleines Podium inklusive Sektdusche vorbereitet, und alle freuten sich mit mir. Es war ein genialer Abschluss von sehr harten 24 Stunden. So kalt mir auch war, so schön war es auch. Die vom Sekt völlig durchnässte Kleidung ließ mich zwischendurch zwar zittern, doch ich hatte noch genug Energie um alle zu umarmen und für die Interviews noch bereit zu stehen. Im Anschluss wurde ich dann mit sämtlichen Hauben, Decken und trockenen Handtüchern eingewickelt, die sich irgendwo auftreiben ließen und konnte ein heißes Gulasch verdrücken. Das war wohl das angenehmste seit langem!

Ich möchte mich bei meinem Team (Kougi, Lex und Thomas) bedanken, die härter als befürchtet arbeiten mussten, denn durch einen Ausfall eines Betreuers und der streikenden Technik waren wir alle ziemlich unter Druck. Specialized hat sich neben allen meinen Sponsoren einen besonderen Dank verdient: Sie haben mir dieses Event ermöglicht, mich vor allem mit Bike und Reifen perfekt ausgerüstet und mir den Großteil der Organisation und den Spießrutenlauf mit Genehmigungen uvm abgenommen, sodass ich nur die Kommunikation mit der UMCA neben meinem Training übernehmen musste. Ihr seid die Besten, danke!

Der Kampf gegen die Müdigkeit

Ich fuhr zwar weiterhin brav meine Runden und versuchte die Zeit einfach so gut es geht runterzubiegen, doch Euphorie spürte ich keine mehr in mir. Mir war kalt, und ich konnte mit niemandem sprechen, fühlte mich durch die fehlende Funkverbindung von meinem Team isoliert, wir konnten immer nur bei der Flaschenübergabe kurz durch das offene Autofenster reden, aber diese Small-Talks munterten mich immer nur kurz auf. Beim Sonnenaufgang wurde es auch nicht wirklich angenehmer, die Temperatur stieg nur von 1° auf 4°C und der Wind war immer noch stark. Immerhin blieb es trocken!

Doch in den letzten zwei Stunden waren dann so viele Leute da, und mir wurde bewusst, dass ich jetzt den Rekord noch richtig weit in die Höhe schrauben konnte. Das Begleitfahrzeug wurde jetzt zur mobilen Disko, wir haben die Vorschrift leise zu sein einfach ignoriert und unsere RAAM Lieder gespielt. Nach der Durchfahrt von Runde 72 hatte ich noch 83 Minuten für zusätzliche Kilometer Zeit. Im Publikum habe ich immer mehr bekannte Gesichter gesehen, sogar Freunde aus der Schweiz kamen nur wegen mir zum Zieleinlauf! Auch viele Mitarbeiter von anderen Sponsoren – die Leute von Specialized waren ja ohnehin rund um die Uhr für mich da – kamen um mich anzufeuern. Da wollte ich mich einfach nochmals von meiner besten Seite zeigen und kam ganz stark in den Flow, die Zuseher klatschten, jubelten und feuerten mich an, meine Leistung war wieder so hoch wie nach dem Start, ich verließ die Aero-Haltung nicht mehr und fuhr einfach alles was noch ging. Selbst der Regen in den letzten 30 Minuten war mir jetzt egal, mit gutem Grip auf nasser Straße konnte ich weiterhin Vollgas um die Wenden ziehen.

Sonnenuntergang - ein beeindruckendes Ambiente

Ich war sehr müde und teilweise kurz vor dem Sekundenschlaf, was durch den Funk sofort besser geworden wäre. Die Kälte nagte an mir, ich wurde langsamer und konnte meine Leistung nicht mehr halten. Die Watt-Werte sanken und ich musste hart kämpfen um nicht zu sehr abzufallen. Die Musik aus meinem MP3-Player erleichterte das munter bleiben nur wenig. Die letzte Phase war dann aber nochmals richtig stark, obwohl ich vorher schon ziemlich am Boden war. Nach der kalten Nacht und der Gewissheit, dass ich den Rekord von Jure überbieten würde, wenn ich einfach nur „normal“ weiterfahre, hat sich in Kombination mit mentaler Müdigkeit zu einer ordentlichen Krise ausgewirkt – zumindest war mein Kampfgeist vorübergehend etwas angeknackst.

viele Besucher am Berliner Tempelhof

Abends wurde es ruhiger, um 19 Uhr wurde der Park geschlossen, und der Tempelhof gehörte mir alleine. Ein gewaltiger Sonnenuntergang sorgte für unvergessliche Stimmung, die mich weiter motivierte. Ich war bis Mitternacht immer noch mit kurzer Hose unterwegs, weil ich durch die hohe Leistung genügend Wärme erzeugte, aber irgendwann konnte ich nicht mehr. Es klingt zwar pervers, aber Beinlinge und ein warmes Trikot sind aerodynamisch schlecht, und daher wartete ich damit solange wie möglich, nämlich bis das Thermometer unter 3°C sank. Durch meinen Zeitfahrhelm hatten wir ein weiteres Problem: Der Cardo-Funk konnte nicht am Helm installiert werden, und so konnte ich mit den Jungs im Auto hinter mir nicht quatschen.

Kurz vor dem Startschuss

Zu Beginn lief es phantastisch, ich konnte mit meinen angepeilten 270 Watt konstant über 40km/h fahren, und hielt das Tempo viele Stunden aufrecht. Es war angenehm mild und mit dem Thermo-Zeitfahranzug von owayo fühlte ich mich wohl. Das Problem waren neben einer streikenden WLAN-Box im Auto (wir konnten den Fehler leider nicht beheben, nochmals sorry für die fehlende Live-Cam und die unregelmäßigen Updates) nur wie befürchtet die vielen Gäste im Freizeitpark: der Sonnenschein lockte Tausende Besucher ans Gelände, es wurde gelaufen, gegrillt, Fussball gespielt und Drachen gestiegen. Und ich auf meinem Zeitfahrgeschoss mittendrin. Die Securities an den Eingängen und zwei Fahrer auf einem Specialized Turbo Elektrobike (100 Meter vor mir) konnten die Strecke aber gut sichern, das Begleitfahrzeug war mit Warnleuchten dicht hinter mir, und die Leute machten mir immer Platz und es kam nur wenige Male zu Situationen, wo ich knapp an jemandem vorbeirauschen musste. Trotzdem war immer ein bisschen Angst dabei, dass es zu keiner Kollision kommt.

Reparatur in letzter Sekunde

Ich muss zugeben, ich habe beim Aufbau vom Rad gepfuscht, und eine Schraube war offensichtlich zu locker agezogen, bzw. locker geworden, wodurch die Kurbel plötzlich wackelte. Das nötige Werkzeug war in meinem Auto im Hotel, Lex sprintete um die Box zu holen und die Mechaniker konnten meinen Fauxpas beseitigen. Währenddessen sind die Kamerateams von RTL und SKY schon etwas ratlos dagestanden, und keiner wusste so Recht, wann es los gehen würde. Durch meine Ungenauigkeit hätte ich mir selbst beinahe den Start vermasselt, aber wir sind mit einem blauen Auge und 35 Minuten Verspätung davon, bzw. auf die Strecke gekommen. Details zu meinen Mechaniker-Fähigkeiten gibt es im Bikeboard Interview, Link ganz unten… (nein, ich schäme mich nicht dafür :-)

Wolfgang Arenz und ich bei der Analyse

In Berlin lernte ich Wolfgang Arenz, den Reifenentwickler von Specialized kennen, der mich mit den besten zur Zeit erhältlichen Reifen ausstattete. Wir testeten noch die Unterschiede zwischen dem Turbo Cotton in 24mm und 26mm Breite und entschieden uns für 24mm vorne und 26mm hinten. Bei den Testrunden auf der Strecke war ich mit derselben Leistung um 2km/h schneller als im Training – jetzt war ich richtig gut drauf und fühlte mich sicher, dass ich den Rekord schaffen kann. Ich habe jetzt endgültig verstanden, dass ich Reifen früher immer zu Unrecht als überbewertet empfunden habe. Nach einer sehr gut geschlafenen Nacht stand ich pünktlich und voller Optimismus am Start. Nur mein Bike war nicht pünktlich, es hing noch am Montageständer.

UMCA Officials Mirko, Andreas, Rene, Stefan

Ich war ehrlich gesagt kurz davor, den Rekordversuch abzusagen, doch der Einsatz von Specialized stimmte mich um: Jedes Problem wurde gelöst, die behördlichen Genehmigungen wurden zeitgerecht eingeholt, Quartiere und Technik wurden organisiert und das Medieninteresse war enorm. Ich konnte und wollte nicht mehr zurückziehen, es war schon zu viel Arbeit investiert worden. Mit Hilfe der Ultra-Marathon-Cycling-Association (UMCA) wurde der Rekord angemeldet und 4 Officials bestellt, die mich bei der Fahrt ständig begleiten, beaufsichtigen und alles protokollieren mussten. Einfach gesagt gilt das gleiche Reglement wie beim RAAM.

Zwei Tage vor dem Start brachen wir nach Berlin auf, ich war richtig gut in Form und sehr fokussiert. In den letzten beiden Trainingswochen konnte ich noch gute Intervall-Trainings und meine „Spezialeinheit“ – 300 Watt über 5 Stunden – durchziehen. Diese Einheit ist vor jedem großen Event so etwas wie meine persönliche Generalprobe.

Der Streckenverlauf mit zwei Wenden

Durch die vielen Versuche im Stundenweltrekord auf der Bahn wollte ich eigentlich auch auf der Bahn antreten, doch die Versuche mit möglichen Austragungsstätten Kontakt aufzunehmen, waren alle sehr ernüchternd. Überall wurden 5-stellige Euro-Summen für eine 24h-Miete verlangt, das war einfach viel zu teuer. Dann schrieb ich ein Mail an Specialized und hoffte, dass sie mit ihren Kontakten zur UCI, zur World-Tour und vielen Veranstaltern helfen konnten. Es war zwar weiterhin nicht möglich an eine Bahn zu kommen, doch die Idee mit der Berlin Bicycle Week wurde geboren. Der Plan war am Tempelhof eine 8er-Schleife zu vermessen und für den Rekord vorzubereiten, die Veranstalter in Berlin standen hinter unserer Idee und so nahm die Geschichte Fahrt auf. Ich war hoch motiviert für das Training, und alleine der Gedanke auf einer Flughafen-Landebahn zu fahren, turnte mich richtig an.

Das erste Mal richtig skeptisch wurde ich, als ich mir die Strecke am Tempelhof anschaute: Der Belag war nur auf der halben Strecke wirklich gut, ansonsten gab es viel Beton, der teilweise ruppig war. Zusätzlich wurde unsere geplante Strecke nicht genehmigt, bzw. durfte das Begleitfahrzeug – was aber unerlässlich ist – nicht auf die Landebahn. So mussten wir auf die „Außenringstraße“ umplanen und zwei Wendepunkte in der Strecke einbauen, sonst kämen wir nicht auf die benötigte Distanz. Dazu kamen der in Berlin ständige Wind und die Erkenntnis, dass wir die Strecke nur sichern, nicht aber komplett sperren durften. Das bedeutete, dass ich immer wieder mit Freizeitsportlern und Spazierengehern auf der Strecke rechnen musste.

Um meine Geschichte vom 24h Rekord vollständig zu erzählen, möchte ich kurz ein paar Jahre zurückschauen: Die 24h Distanz reizte mich schon immer, vor allem bis Ende 2007 war ich bei insgesamt 11 solcher Rennen am Start. Als persönliche Bestmarke schaffte ich in Schötz (SUI) sogar 950km, doch im Zuge eines Rennens konnte man sich immer im Windschatten der Staffelfahrer aufhalten, und so war diese Leistung bei weitem niedriger einzuschätzen. Ein Solo-Rekordversuch erschien mir lange Zeit als zu schwierig, ich traute mir das ehrlich gesagt nicht zu. Jure Robic und Marko Baloh hatten die Bestmarken, und vor allem Marko ist ein ausgesprochener Spezialist für flache 24 Stunden. Die Bestleistung in „normalen“ 24h-Rennen halten die beiden übrigens mit 978km ex aequo. Erst nach dem RAAM Sieg 2013, wo ich erstmals unter 8 Tagen blieb, fing ich wieder an, vom 24h Rekord zu träumen…

Beitrag vom 26.März 2015