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Aktuelle News

Über 900 Kilometer bei der 24h-WM! Ein Traum wird wahr – mein persönlicher Rückblick

Im Flugzeug Richtung Los Angeles dachte ich an die letzten Trainingswochen zurück. Ich war voll motiviert dieser Saison, die schon perfekt lief, noch die Krone aufzusetzen und war auch nach dem RAAM und dem RAA weiterhin brav am Trainieren, auch wenn es motivationstechnisch zwischendurch schon sehr hart war auf hohem Level durchzuhalten. Es war mir rechtzeitig vor dem letzten Saisonhöhepunkt, der WM im 24h-Einzelzeitfahren endlich wieder gelungen, meine besten Leistungswerte zu erreichen – dieselben, die ich vor dem RAAM im Mai aufs Pedal bringen konnte.

Zwar neige ich meistens zur übermäßigen Bescheidenheit, doch dieses Mal war ich mir so sicher und klar darüber, dass ich die 900km Marke schaffen wollte und werde, und ich war auch mutig genug, das im Vorfeld als Ziel auszugeben, auch wenn ich mir dabei mehr Druck als nötig auferlegte. Manchmal benötigt man diesen Druck aber, um sein Bestes geben zu können. Gewinnen alleine war kein Ziel, sondern das Durchbrechen dieser Schallmauer, das bisher auf der Straße solo (ohne Windschatten) noch keinem Menschen (abgesehen von Liegerädern) gelungen war und in Folge dann höchstwahrscheinlich den Sieg zur Folge haben würde. In Rundstreckenrennen mit Windschatten liegt die höchste, je erreichte Marke bei 978km (jeweils von Jure Robic, Marko Baloh und Dani Wyss).

Im Vorfeld war ich sehr froh, dass mein Trainer Max, der mich schon vor zwei Jahren bei der WM betreute, wieder Zeit hatte mich zu begleiten, denn die Betreuung in Borrego Springs ist nicht einfach – vor allem nicht, wenn man keine unnötige Sekunde liegen lassen möchte.

In der Analyse der WM 2016, wo ich mit 886 Kilometern Platz 1 erreichte, hatten wir schnell mögliches Potential gefunden. Es klang sehr simpel: „Schneller anfangen, und weniger nachlassen!“ Aha.
Ziele sollen ja simpel sein, sage ich immer, also durfte ich nun mal mein eigenes Motto umsetzen.

Was dafür sprach: Ich war besser in Form als vor 2 Jahren, ich war auch besser regeneriert und habe mich speziell auf dieses Rennen vorbereitet. 2016 wollte ich ja den 24h-Bahnrekord angreifen, musste ihn aber aufgrund einer Verkühlung verschieben (mit einem Jahr Verspätung gelang #track24h mit 941 Kilometern), und trat 3 Wochen nach diesem gesundheitlichen Rückschlag quasi als „Ersatzprogramm“ zur WM an.
Was noch dafür sprach: Wir kennen die besonderen Schwierigkeiten des Rennens, die total unbeleuchtete Strecke, die über 12h lange Nacht, die plötzlich eintretende Hitze des Tages und die tückische Betreuerzone.

Was dagegen sprach: Der Fakt, dass die 900km auf der Straße noch nie einem Menschen gelangen, dass es mental nicht einfach ist, ein noch nie erreichtes Ziel anzustreben. Und dass ich auch 2016 bis zur Halbzeit mit mehr als dem nötigen Schnitt unterwegs war, bereits 467km mit 38,9km/h hinter mir hatte, und dann in der Hitze einbrach.

Rein vom technischen her gibt es drei Aspekte, die das Rennen langsam machen: Pro Runde (29km) gibt es eine Stop-Tafel, die man ja nach Verkehrslage (und Laune des Race-Officials) nach einem tatsächlichen Stop oder mit verringertem Tempo überqueren muss, bzw. darf. Der Asphalt ist sehr grob und der Belag teilweise mit Schlaglöchern übersät, in der sogenannten „Pit-Lane“, also der Betreuerzone, die ich jede Runde durchfuhr, galt ein Speed-Limit von 16km/h, in der mir Max im Laufschritt eine Trinkflasche mit „GSFood Energizer“, ein Flascherl „Ensure“ und ein paar kurze Worte mit auf den Weg gab. Pro Stunde kam ich so auf sehr hohe 662kcal (auf 1,05 Liter/Stunde Gesamtflüssigkeitszufuhr), die bei dem Tempo aber auch nötig sind.

Was das Rennen schnell macht: die „angenehmen“ Höhenmeter, die sich auf einen langgezogenen „schmierigen“ Anstieg verteilen, den man (solange noch in gutem Zustand) mit 30-35km/h hinaufbrettern aber dann mit weit über 55km/h hinunterfliegen und den Schwung, wenn man eine gute Aero-Sitzposition drauf hat, lange mitnehmen kann. Pro Runde sind es aber auch nur 90 Höhenmeter, unterm Strich fällt der Kurs in die Kategorie „fast brettleben“. Die Kurven sind allesamt voll zu fahren, und die Bremse braucht man nur bei der Einfahrt in die Pit-Zone, bzw. bei der Stop-Tafel.

Strategie: Es war klar, vor allem auch durch die Erfahrungen der WM 2016, dass es nicht möglich ist, die Leistung über 24 Stunden konstant zu halten. In erster Linie ist der Grund die Temperatur, die ab ewa 15 Stunden Renndauer massiv zu steigen beginnt. Eine angestrebte Kilometerleistung kann also nur so erreicht werden, dass man in der ersten Hälfte deutlich mehr Leistung bringt und das „Nachlassen“ einkalkuliert. Alles andere wäre eine Illusion. Ich muss also körperlich so fit sein, um in der ersten Hälfte etwa 480 Kilometer – also einen 40er Schnitt – fahren zu können, um mich in der zweiten Hälfte mit einem 35er Schnitt und nur mehr 420 Kilometer drüber retten zu können. Wer hier mehr Konstanz erwartet, muss es in der Praxis erst einmal versuchen, bei einem Temperaturunterschied von 10 auf 34°C innerhalb weniger Stunden konstant zu treten. Das geht einfach nicht.

Kleidung: Auch hier ging ich Risiko ein und startete dünn bekleidet mit einem „Wüstentrikot“, also einer dünneren Variante meines Ausstatters „owayo“ und Ärmlingen. Eine Weste benötigte ich glücklicherweise nicht, die Temperaturen blieben in der Nacht knapp über 10°C, wobei es zwischen „hinter’m Palmenhain“ und „Anstieg“ in der vom Mond hell erleuchteten Nacht unterschiedlich frisch war – auf der ansteigenden Seite des Kurses war es mit 14°C deutlich milder. Es war mir kalt, aber ich vermied einen Stopp. Tagsüber war es mit 34°C gerade noch erträglich.

Rennverlauf: Vom Start weg konnte ich meine angepeilte Leistung von 280 Watt abrufen und schon auf den ersten Kilometern ein Loch zu den Konkurrenten aufreißen. Marko Baloh, Julian Sanz und Evens Stievenart waren 2016 einige Stunden mit mir an der Spitze, doch dieses Mal ging es Marko etwas verhaltener an, Julian blieb auch zurück, und Evens bestritt wegen Trainingsrückstands leider nur die 12h-Wertung. In der ersten Runde hatte ich bereits 3 Minuten Vorsprung, der mich zusätzlich motivierte. Ich mache die Geschichte kurz: Sitzposition war durch Erfahrungen vom Zeitfahrtraining für den „King of the Lake“ verbessert, die Ernährung klappte durch die 3-tägige Umstellungsphase (wie beim RAAM) perfekt, der Druck am Pedal war konstant hoch und ich konnte die ersten 10 Runden allesamt schneller fahren, als meine beste Runde 2016 (das war damals 42:56min). Die Hitze des Tages war dann kein so großes Problem mehr, weil ich durch die Halbzeit-Leistung von 486km so beflügelt war, dass mich nichts mehr stoppen konnte. Der eine oder andere geplante „Eiswasser-über-den-Kopf“ Stopp in der Pit-Lane war unterm Strich auch kein so großer Zeitverlust als der „Kopf-in-den-Hotelpool-Versenkungs“ Stopp vor zwei Jahren. In Zahlen ausgedrückt: 2016 bummelte ich die letzten 6 Runden mit deutlich über 50 Minuten, in diesem Jahr war die langsamste Runde eine 49-minütige.

Ein großes Problem hatte ich aber schon: Mein Garmin war durch die vermutlich zu großen Erschütterungen bei den hohen Temperaturen für etwa eine halbe Runde ausgefallen, und ließ sich erst nach mehrfachen durch lautes Fluchen kommentierte „Resets“ neu starten. Ich hatte daher also keine korrekten Zahlen mehr und hatte permanent Angst, dass ich die 900km ganz knapp verfehlen würde. Auch daher blieb ich bis Stunde 23 - als ich 2016 schon resigniert hatte - voll am noch möglichen Gas. Erst als wir dann für die letzte Stunde auf die kleine Runde umgeleitet wurden, erfuhr ich von Max, dass ich schon 898km abgespult hatte. Was für eine Erleichterung! Für zwei kleine Runden hatte ich dann noch die Kraft, und nach 23:40h verließ mich diese. Es war geschafft, es war tatsächlich getan, 913km standen zu Buche!

Was passierte eigentlich in den letzten 20 Minuten, warum war mein Rennen vorzeitig zu Ende? Mittels einer persönlichen Facebook-Nachricht erfuhr ich, dass die Rennleitung von einem „Fan“ sogar schon kritisiert wurde, weil ich keine letzte Runde mehr fahren „durfte“…

Aber: Ich hatte einfach genug, war vom Start weg immer auf Druck, es gab keine langsamen Rollphasen, keine Pause, keine berg-ab Passagen zum Beine auslockern. Mein großes Ziel war erreicht und es ging mir wirklich nicht mehr gut. Daher war ich einfach so frei und hab mir die letzte noch mögliche Runde geschenkt und mich für 20 Minuten in den Schatten gelegt. Ja, auch das geht: 20 Minuten in der schönen bewässerten Wiese des „Christmas Circle“ sitzen, die Stimmung am Streckenrand genießen und dem Max ein blödes Interview geben: www.facebook.com/christophstrasser.at/videos/2190078544598854/

Nach meinem Weltrekordversuch in Berlin 2015 (mit 896km) war mir klar, dass ich diese Marke irgendwann nochmals knacken möchte – nun also hat sich ein Kreis geschlossen.

Erwartungshaltung vor dem Rennen: „Diesen Sieg haben wir uns ja sowieso erwartet“, „Wer hätte außer dir sonst gewinnen sollen?“, usw…
Solche Ansagen vor großen Rennen kenne ich schon zur Genüge, und ich kann sie teilweise nachvollziehen. Aber ich möchte auch anmerken, dass allein das Finishen bei Ultra-Radrennen immer sehr schwierig bleibt, egal wie viele Erfolge man schon geschafft hat. Man muss sein Leistungspotential davor erst abrufen, und das ist oft ein großes Problem (nicht nur beim Radfahren).
Immer punktgenau am „Tag der Entscheidung“ fit zu sein, keine Nervositätsprobleme, keine Magenverstimmung im Vorfeld, keine Mängel in der Ausrüstung und keine mentale Motivationsschwäche zu haben (um nur einige möglichen Probleme aufzuzählen) ist immer ein Ergebnis penibler Vorbereitung und kein Zufall.

Leider konnte Alexandra Meixner ihr großes Ziel nicht erreichen. „Xandi“, die 2017 als erste Österreicherin das RAAM beenden konnte, hatte mit dem Defekt-Teufel zu kämpfen und warf nach dem dritten Defekt das Handtuch, nachdem sie über eine Stunde verlor. Im Gegensatz zum RAAM ist man bei der 24h-WM alleine für Reparaturen verantwortlich und muss ein Pannenset mitführen, ein Betreuerauto mit Reserveteilen darf nur in gravierenden Ausnahmefällen zu Hilfe kommen.

Danke an Markus „Max“ Kinzlbauer für die tolle Betreuung und für ein ganzes Jahr Traininsplanung und -optimierung, für das Schinden und das Motivieren – die Ergebnisse sprechen für sich!
Danke auch an Xandi Meixner, die sich mit mir freute anstatt sich schlecht gelaunt zurückzuziehen und mir sogar eine Hals- und Nackenmassage nach dem Rennen verpasste.

Und natürlich geht ein großes Danke an meine Sponsoren und Ausstatter und vor allem an alle Menschen, die mir Gratulationen und Glückwünsche schickten!

Fazit: „Weitradlfoan“ ist schon ein geiler Sport! #jawui

 

Ergebnis:
1. Christoph Strasser (AUT) – 913,46km // 23:40:06h // 38,62km/h
2. Marko Baloh (SLO) – 828,49km // 23:54:12h // 34,76km/h
3. Mark Gibson (USA) – 768,62km // 23:44:53h // 32,51km/h
4. Jakob Olsen (DEN) – 762,83km // 23:54:30h // 32,03km/h
5. Fabio Silvestri (BRA) – 733,86km // 23:53:14h // 30,74km/h

Leistungsdaten über 24h:
NP – 260 Watt (je 6h: 281 Watt / 275 Watt / 251 Watt / 212 Watt)
Nahrungszufuhr gesamt: 15230 Kcal auf 24,26 Liter

Links:

Leistungsdaten auf Strava: www.strava.com/activities/1935473834

Ergebnisse 2018: https://my1.raceresult.com/90792/results?lang=en

Ergebnisse 2016 (für echte „Freaks“ zum Vergleichen): https://my2.raceresult.com/50532/results?lang=en

Homepage von Markus „Max“ Kinzlbauer: www.mk-training.org

Mein Rennbericht 2016 (zum Nachlesen): www.christophstrasser.at/aktuelles_live_newsletter/news/aktuelles/article/die-24-stunden-wm-von-borrego-springs-mein-persoenlicher-bericht

Kurz vor dem Sonnenaufgang

Einfahrt in die Pit-Lane

Mit der Morgensonne kommt auch die Hitze

Auf der letzten Runde unterwegs

Es ist geschafft, die 900k sind geknackt!

Trainingsrunde mit Max Kinzlbauer

Beitrag vom 11.November 2018