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Race Around Niederösterreich – persönlicher Bericht

Perfekt – was ist das schon? Gibt es das perfekte Rennen? Sicher nicht. Vor allem nicht auf der Langstrecke, denn über Distanzen von 600 Kilometern oder mehr kann es gar nie komplett ohne kleine Fehler, ohne Schlechtwetterphase, ohne kleine Krise laufen. Sollte überhaupt nach Perfektion gestrebt werden? Ich glaube nicht. Ein sehr gutes, ein ausgezeichnetes Rennen passt (für mich) voll ;) Beim RAN lief es nahezu perfekt. Die Suche nach Potential, wo noch die eine oder andere Minute zu holen gewesen wäre, ist schon eine ordentliche Challenge, und da fällt mir gar nicht viel ein. Daher beginne ich mit diesen minimal kleinen Dingen, bevor ich mich in der Analyse auf die vielen sehr guten Aspekte einlasse:

Potential 1: Das Wetter war, naja, mittel. In meinem Startblock war der große Regen vom Nachmittag schon vorbei, trotzdem nieselte es leicht und die Straße war nass. Dazu herrschten kuschelige 4°C, die von meinem Start um 19:26 Uhr – ich wurde als letzter der 66 Solo Teilnehmer auf die Strecke geschickt – bis in die Morgenstunden ziemlich konstant blieben, bevor es dann rund um den Semmering kurz unter Null abkühlte. Das Problem für mich war eher die Nässe: Vorsichtiges Fahren in der Kurve, nass-kalte und gefühllose Zehen, schlechte Sicht in der Nacht. Wobei es ja auch die Theorie gibt, dass der Rollwiderstand von Reifen auf nasser Strecke niedriger und der Speed damit höher ist. Ich weiß nicht, ob das unterm Strich was bringt. Was die Temperaturen jedenfalls mit sich bringen, ist etwas Pokern bei der Kleidung. Regenjacken, die sich wie ein Bremsfallschirm aufblasen, wollte ich vermeiden, also habe ich mich für die minimale Variante entschieden, nämlich Unterhemd, kurzes Trikot, Ärmlinge, Beinlinge und eine Windweste drüber. Ich habe im Rennen stundenlang überlegt, ob ich die Kälte weiterhin aushalte, oder einen kurzen Stopp zum Überziehen eines langen Trikots einlege. Ich bin aber weitergefahren, da ich wusste, dass in Wiener Neustadt, bei Kilometer 330, eine Serie von roten Ampeln auf uns wartet. Bis dahin den 40er Schnitt halten, und dann dort, wo die Nerven durch unerbittliche Stopps auf die Probe gestellt werden, die erzwungenen Stehzeiten zum Anziehen nutzen. Warum werden die 10 Ampeln in Wr. Neustadt um 3 Uhr nachts eigentlich nicht abgeschaltet? Warum gibt es keine grüne Welle? Einziger Trost: Für das Rennen ist es egal. Für den Schnitt, der nun unter 40 fällt, leider nicht.

Potential 2: Laufradwechsel
Das Tarmac ist definitiv ein sehr schnelles Rad. Das ShivTT ist definitiv ein noch schnelleres Rad, vor allem wenn es um einen abschüssigen Streckenabschnitt talauswärts geht. Daher war der bewährte Plan, den ich auch 2020 schon so umsetzte, ganz klar: die ersten 360 Kilometer am Zeitfahrrad, am Eingang zum Semmering-Anstieg der Wechsel auf das Tarmac, das ich dann bis zur letzten Bergwertung fuhr. Oben in Wastl am Wald, wo zugleich der höchste Punkt des Rennens liegt, wartete meine Crew mit dem ShivTT, damit ich die langgezogene und technisch nicht schwierige Abfahrt „runterschießen“ kann. Doch es gab ein Problem: Wir wollten das ShivTT nicht mit dem Scheibenlaufrad fahren, so wie zu Beginn, sondern mit der leichteren 64mm Felge, weil es auf den letzten 70 Kilometern ins Ziel nochmal ordentlich Höhenmeter gibt. Und jetzt sind wir bei meinem Lieblingsthema: Laufradwechsel mit Scheibenbremsen. Herrlich. Ohne jetzt ins Detail gehen zu wollen: Es musste länger gearbeitet werden (Stichwort schleifende Bremsen, zentrieren der Bremse usw…). Und als ich oben ankam, war das Rad nicht bereit. Ich raste also mit dem Tarmac bergab, und erst ganz unten, als wir das Tal verließen und das nächste Flachstück begann, konnte ich aufs Zeitfahrrad umsteigen. Anstatt oben am Berg vom Schritttempo zu stoppen, musste ich unten in voller Fahrt stoppen. Normalerweise lautet eine Grundregel: Niemals stehen bleiben, wenn du Schwung hast. Lustigerweise sieht man es auch schwarz auf weiß, denn genau auf dieser Timestation war ich nicht der schnellste, sondern Philipp Kaider war um 2 Minuten schneller. Das lag sicher daran, dass Philipp, wie schon 2020, ein großartiges starkes Rennen fuhr, aber auch daran, dass er oben in Wastl sehr wohl auf sein Zeitfahrrad wechselte (ironischerweise fährt er ebenso das Specialized ShivTT).

Potential 3: eine Minute finde ich noch, wenn man den Verfahrer berücksichtigt, der uns passiert ist. Aber was soll man machen, wenn unmittelbar vor einem Kreisverkehr der Saugnapf des Navis im Pace Car kurz aufgibt, das den richtigen Weg präsentierende Display irgendwo zwischen Ensure Flaschen verschwindet, ich am Edge 530 Radl-Computer gerade die Route ausgeblendet habe, und wir einfach „grad drüber“ fetzen? Nach 200 Metern, als der asphaltierte Feldweg in Schotter überging, erhärtete sich der Verdacht, dass das nicht richtig sein kann. Shit happens, nichts passiert, umdrehen und weiterfahren. Ob wir hieraus eine Lektion im „Saugnapf“ putzen für das nächste Rennen ableiten werden, darf bezweifelt werden. Jedenfalls war diese Mini-Panne im Bereich Navigation, die einzige dieser Sorte.

Aber nun zu den Dingen, die sehr gut geklappt haben:
Kurz gesagt, alles andere!

Die Ernährung: Trotz der schwierigen Umstände und der Kälte war meine Energiebilanz im grünen Bereich. Die Temperatur erschwert das Trinken natürlich sehr, es ist weder möglich noch nötig viel Flüssigkeit zu sich zu nehmen, die Zufuhr wird daher eher auf Flüssignahrung verlagert. Konkret heißt das, dass ich mit den beiden Produkten „Ensure Plus“ und dem neuen „Peeroton Hi-End Endurance Drink“ unterwegs war. Ensure entspricht dem Essen (Kohlenhydrate, Fett, Protein), der Hi-End Endurance dem Trinken (Kohlenhydrate und Elektrolyte). Es gab also mehr Ensure und weniger Hi-End Endurance, als bei heißen Bedingungen. Die aufgenommenen Kalorien pro Stunde blieben somit in etwa gleich, und die Verträglichkeit im Magen war wieder optimal.
Wir kamen im Großteil der Zeit auf die angepeilte Menge von 500kcal pro Stunde. Dazu gab ich mir mehrere Portionen vom Panaceo Energy-Boost (Guarana und Traubenzucker), der in der Nacht oder im Zielsprint verdammt gut für Konzentration und einen weiteren Push sorgte.

Das Material: Im Hinblick auf meine 24 Stunden Rekordversuche habe ich ja beim Material noch einiges vor. Kette, Lager und Outfit werden noch optimiert werden, und bei der Kette habe ich nun schon den ersten Test absolviert. Mit Beratung vom „Baranski“, einem Zeitfahr-Freak, den ich beim King-of-the-Lake kennen lernte, habe ich jetzt einmal eine gewachste Kette probiert, die man übrigens in seinem Shop bestellen kann. Ich wurde auf ihn aufmerksam, weil er den KotL 2018 gewonnen hat, und dabei offensichtlich aerodynamisch und technisch so gut ausgerüstet und gepimpt war, dass er da mit viel weniger Watt als ich schneller im Ziel war. „Der B“ dürfte also etwas von der Materie vestehen. Tipp: seinen Blog und seinen Shop findet man unter derbaranski.de!
Normalerweise fahre ich immer mit DryFluid, das ich immer noch verdammt gut finde. Bei nasser Strecke habe ich dieses Mal aber das Wachs echt gut gefunden, die Kette war nach dem Rennen noch immer komplett sauber und frei von Staub oder Dreck. Bei warmen und trockenen Bedingungen werde ich weiter testen. Laut Baranski kann seine gewachste Kette im Nachgang mit DryFluid behandelt werden, wenn der Wachsfilm nachlässt. Ich bin gespannt, was ich da in den nächsten Monaten noch rausfinde!

Die mentale Einstellung für den Zielsprint: Ich wusste also bei der Timestation 9 in Ybbs: Wenn ich von hier gleich wie das letzte Jahr fahre, bin ich nach 17:05 Stunden im Ziel. Einerseits hatte ich letztes Jahr wirklich große Probleme am Ende, vor allem im Kopf, weil ich das hügelige und wellige Terrain nicht kannte und es mir die letzten Kraftreserven aus den müden Beinen zog, daher wusste ich, dass ich hier definitiv noch besser fahren kann. Andererseits besagen die reinen Zahlen, dass ich hier auch 2020 nicht wirklich schlecht gefahren bin, denn voriges Jahr hatte ich für die letzten 81 Kilometer und 1100 Höhenmeter (danach wiederum 760 Höhenmeter hügelig bergab) eine Leistung von 234 Watt und eine Zeit von 2:36 Stunden. Ich wusste aber auch: Dominik Schickmair, ein großartiger Radfahrer, der u.a. das RAN 2019 gewann (davor auch schon die RAA Challenge 2017 und den ÖM Titel im Ultra Radsport 2019), war auf dem letzten Streckenabschnitt seiner Siegfahrt schneller als ich. Auch Philipp Kaider war im Vorjahr am Ende knapp schneller als ich.
Und weil ich die beiden sehr schätze und respektiere, aber auch weiß, dass ich das, was die beiden fahren können, auch fahren kann, hab ich am Ende einfach nochmals alles gegeben. Philipp und Dominik haben gezeigt, dass am Ende noch mehr drin ist. Also war mein Motto: Kopf ausschalten, kein Denken mehr, weiterhin konsequent die Getränke reinschütten und Vollgas. Den Moment nutzen, es als vielleicht einzige Chance im Leben betrachten, das RAN in unter 17 Stunden zu fahren. Was soll schon schiefgehen? Schlimmstenfalls geht mir die Kraft aus und ich rolle langsam ins Ziel, aber im besten Fall halte ich durch und knacke die 17 Stunden. Ein bisschen Risiko muss sein!

Ich kam schließlich so richtig in den Flow, ich war in den letzten zwei Stunden gleich stark wie am Anfang und hab einfach alles rausgehaut, was eigentlich nicht mehr in mir war. Druckvolle 330 Watt bergauf, 300 Watt Aeroposition in der Fläche, und bergab ein bisschen erholen, damit es den nächsten Anstieg wieder voll reingeht. Bei der letzten Timestation in Kleinpertschlag wusste ich, dass ich noch 1:03 Stunden für die letzten 38 Kilometer Zeit habe. Das sind laut Logik keine guten Aussichten, der nötige Schnitt lag, laut geschätzter Kopfrechnung, über 35 km/h, und das bei hügeligem Gelände. Es geht zwar etwas mehr bergab als bergauf, aber die Gegenanstiege sind zermürbend. Dass ich beim Race Around Niederösterreich unter 17 Stunden bleiben könnte, hätte ich mir vorher nicht erwartet, mein schnellster Marschplan war auf 17:15 Stunden ausgerichtet. Als ich aber von Zwischenzeit zu Zwischenzeit den Vorsprung gegenüber meiner Siegerzeit aus 2020 um Minute für Minute ausbauen konnte, blieb mir nichts anderes übrig, als die letzten 2 Stunden zu fahren, als ginge es um mein Leben. Und es ist tatsächlich gelungen. Ich legte die letzten 81 Kilometer um 10 Minuten schneller zurück als im Jahr zuvor. Nach 16:55 Stunden war es geschafft! Dementsprechend kaputt war ich im Ziel auch - aber so solls ja sein.

Manchmal verstehe ich selbst nicht ganz, wie das bei mir alles klappt. Im Nachhinein frage ich mich dann, wie der krasse Scheiß funktioniert, den ich immer wieder abliefere. NP 274 Watt über 16:55h, ohne grobe Krise oder Einbrüche, und das bei feucht-frostigem Wetter.
Meine Beine haben einfach nicht aufgehört zu drücken. Im Kopf wusste ich was ich will und konnte während dem Rennen komplett aufhören zu denken. Equipment, Aerodynamik und Sitzposition passten natürlich auch.
Was wir auch vom letzten Jahr gelernt haben: Thermoskannen mit Kaffee für die Crew! Bialettis hatten wir auch dabei, doch ohne Gaskocher im Auto bringt das nicht viel…

Danke an mein Betreuer-Team Trainer Max Kinzlbauer, Navigator Philipp Bergmann und Crew-Rückkehrer Rainer Hochgatterer, an alle Unterstützer, an die RAN Organisatoren, die trotz der unsicheren Rahmenbedingungen wieder ein großartiges Rennen organisierten und an (c) Martin Steiger und (c) Alfred Nesvimal für die genialen Fotos vom Rennen!

Gratulation an alle Finisher, allen voran den beiden Solo Fahrern Flo Kraschitzer und Lex Karelly, die die Seite gewechselt haben und vom Betreuer-Job der Strasser-Crew selbst in den Sattel gestiegen sind.

Weitere Updates gibt es ab 28.5. in unserem Sitzfleisch-Podcast!

Leistungswerte Analyse Details: 600km, 5600Hm, 16:55h, NP 274 Watt

Wetter: bis KM 500 hatte es im Schnitt 4°C wobei es in den ersten 4-5 Stunden auch immer wieder leichten Nieselregen und durchgehend freuchte Straßen gab. Bei KM 425 war es kurz auf -1°C frierend kalt. Erst auf den letzten 100km ging die Temperatur auf über 10°C.

Leistung: Insgesamt NP 274 über 16h:55min. Immer sehr gleichmäßig (avg Power 272W), Peak 5min 318W und Peak 30min 300W (wobei ich diesen 30min Peak nach 9:30h auf den Berg Semmering rauf fuhr).

Puls: Durchschnitt 149, das ist recht hoch für so eine lange Zeit. Maximal 176 (ich befürchte einen kleinen Messfehler, das ist unrealistisch), Minimal 105 (in Abfahrten)

Speed: die ersten 200km in 4:53h (das sind 40,9 km/h bei NP 285W), die ersten 300km in 7:25h (das sind 40,5 km/h bei NP 282W). Die zweite Hälfte mit vielen Anstiegen (3600 HM), gingen immer noch in 9:33h und 31,5km/h bei NP 266W.

Bike: ShivTT (die ersten 365km und die letzten 110km), Tarmac (125km in den gröbsten Bergen)

>> Auswertung auf Trainingpeaks

>> Auswertung auf Strava

>> Ergebnisse mit Timestation Zwischenzeiten